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Geheimpost im besetzten Warschau


Am zweiten Tag des Aufstandes (dem 1944-08-02) kam dem Pfadfinder-Führer Kazimierz Grende („Granica“) der Gedanke, mit Hilfe seiner Pfadfinder eine Art Postdienst für die Zivilisten zu organisieren; begrenzt auf die südliche Innenstadt: Srodmiescie - Poludnie. Allerdings wollte er dazu das Einverständnis des Pfadfinder-Hauptquartiers einholen. Das aber lag in der nördlichen Innenstadt und davor lag der gefährliche Jerusalem Boulevard!
Am Abend des 4. August gelang es dem Pfadfinder-Führer Przemyslaw Gorecki („Kuropatwa“ auch „Wirski“ auch „Gezdol“) in den Nordteil zu gelangen, indem er, durch die Kanalisation kriechend, die „Jerozolimskie“ überwand.
Schnell war die Zustimmung der Militärs und der Zivilverwaltung erreicht und mit Feuereifer ging man ans Werk, jetzt aber nicht mehr nur für einen Stadtteil, sondern für alle „besetzten Bezirke“.
Geplant war eine Zentrale, Nebenstellen in bestimmten Bezirken und die Anbringung von Briefkästen. Zusätzlich sollte eine Zensur vor unerwünschten, womöglich verräterischen, Meldungen und Nachrichten schützen.

Die Bestimmungen für die Benutzung dieses Post- und Kurierdienstes waren:

  • es soll klein und leserlich geschrieben werden
  • die ganze Nachricht muss in polnischer Sprache abgefasst sein und soll nicht länger als 25 Worte sein
  • keine Fremdwörter und Abkürzungen verwenden
  • die Anschrift muss leserlich sein, bei Zivilisten auch Angabe der Absender-Adresse, damit bei Unzustellbarkeit das Schreiben zurückgehen kann
  • Militärpost aber ohne Absender, weil sie bei Unzustellbarkeit vernichtet wird
  • Briefe müssen unverschlossen sein, weil sie der Zensur unterliegen
  • der Postdienst ist kostenlos, es können auch Bücher und Zeitschriften zur Verteilung in Lazaretten bereitgestellt werden.

Die Zensur wurde nicht nur wegen der militärischen Geheimhaltung für wichtig gehalten, sondern weil viele Familien und Gruppen verstreut in Kellern und provisorischen Unterkünften hausten und die Moral zum Durchhalten nicht geschwächt werden sollte.
Diese Überprüfung wurde von Eltern und Geschwistern der Pfadfinder vorgenommen und die Zensurstellen befanden sich

  • im Gebäudekomplex der Hauptpost (Swietokreyska)
  • im Postamt in der Ul. Wilcza.

Das PA Cerniakow hatte keine Zensurabteilung und die Post aus Powisdle wurde im

  • PA Srodmiescie Polnocne (Innenstadt Süd) zensiert.

Es gab spezielle Zensurstempel und handschriftliche Vermerke.

Zum Kennzeichnen der Poststücke wollten die Pfadfinder natürlich auch eigene Stempel benutzen. In diesen sollte die Pfadfinder-Lilie enthalten sein, auch als Zeichen der erhofften wiedergewonnenen Freiheit.
Die ersten Stempel waren die legendären „Kartoffelstempel“, weil man früher meinte, dass sie aus Kartoffeln angefertigt worden waren. Heute weiss man aber, dass sie in Linoleum geschnitten waren. Insgesamt gibt es 10 verschiedene Stempel mit dem Pfadfinder-Emblem, von denen der Grösste aus Holz geschnitzt war.

Die Jungen und Mädchen dieses Postdienstes trugen rot-weisse Armbinden mit den Buchstaben „S.P.“ für Hilfsdienst und der Pfadfinder-Lilie. Ihr Mut und Erfindungsreichtum beim Improvisieren war unglaublich. Viele verloren bei den Einsätzen ihr Leben. Die „Laczniczki“ (Verbindungs-Mädchen) waren für ihre Tollkühnheit bekannt; so dass der Ausdruck „Wo selbst der Teufel nicht durchkommt, sende eine Laczniczka, die schafft es!“ aufkam. Eine durchschwamm -mit Postgut beladen- sogar achtmal die Weichsel.

Im Durchschnitt wurden täglich 3.000 bis 6.000 Briefe bearbeitet und befördert, jedoch sind wegen des dramatischen Endes des Aufstandes, der Zwangs-Evakuierung der Bevölkerung und der Zerstörung Warschaus nur wenige Briefe der Nachwelt erhalten geblieben. Man schätzt, dass es weniger als 1.000 sind, und der Markt bestätigt diese Vermutung.

Bei der AK war auch die Errichtung einer Feldpost geplant gewesen, die aber wegen des misslungenen allgemeinen Aufstandes nicht richtig zum Tragen kam. Die Pfadfinder-Post hatte sich jedoch -auch für die Belange der Militärpost- hervorragend bewährt, so dass es nahe lag, beide Systeme zusammenzuführen. Dafür war offiziell der 20. August vorgesehen. Die Pfadfinder-Stempel sollten durch die der AK ersetzt werden, was allerdings nur unzureichend gelang

Auch waren eigene Briefmarken vorgesehen gewesen: Ein wichtiges Symbol der Souveränität eines Landes!
Schon vor dem Aufstand war eine Briefmarke der AK gedruckt worden, sie war jedoch noch ohne Gummierung und zeigt mit Molotow-Cocktails bewaffnete Aufständische vor Barrikaden. Diese Marke kam jedoch nicht zur Auslieferung!
Am 5. September kam es zur Ausgabe der schon am 6. August gedruckten Serie von 5 bildgleichen Marken in 5 verschiedenen Farben (Sinnbild der fünf Stadtteile). Sie waren ohne Nennwert. Da fast nur noch der Stadtteil Srodmiescie verteidigt wurde, kamen sie nur in der Poststelle „Innenstadt Süd“ in der Wilcza Strasse zur Ausgabe.
Eine weitere Serie mit einem Aufdruck auf 10 Werten der Hitler-Serie des Generalgouvernement ist verständlicherweise abgelehnt worden.
© Steinmann

Wer weiss mehr?

Feldpost der Pfadfinder im Warschauer Aufstand 1944

Zbigniew Bokiewicz

Die Feldpost der Pfadfinder spielte eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen der Warschauer Bevölkerung während des Aufstandes.

Bis zum 30. Juli verliess die Mehrzahl der Behörden und Dienste der deutschen Besatzer die Stadt und im Stadtgebiet verblieben nur die befestigten Militär- und Polizeistützpunkte. Am Morgen des 1. August gab der Befehlshaber der Heimatarmee den Befehl, die Aktion an diesem Tag um 17.00 Uhr zu beginnen. Der Mehrheit der Zivilbevölkerung war dieser Termin nicht bekannt und das Leben in der Stadt nahm an diesem Tage seinen gewohnten Lauf. Infolgedessen wurden sehr viele Menschen in der Stadt vom Beginn des Aufstandes überrascht und von ihren Familien und Wohnungen abgeschnitten.

Die strategischen Überlegungen des Aufstandes sahen die Einnahme der Brücken über die Weichsel vor, mit dem Ziel, den deutschen Einheiten auf dem östlichen Weichselufer den Rückzug abzuschneiden, um dadurch der Roten Armee zu helfen, die sich in den Praga vorgelagerten Gebieten befand. Das politische Ziel bestand in der Einnahme der Hauptstadt und in der Einsetzung von polnischen Behörden, noch bevor die Rote Armee in die Stadt einmarschierte.

Diese Pläne gelangen nur teilweise. Zwar konnten die Brücken nicht erobert werden, aber grosse Teile der Stadt wurden von den Deutschen befreit und von der polnischen Militär- und Ziviladministration beherrscht.

Leider gelang es nicht, viele der starken deutschen Widerstandsnester einzunehmen, was zu einer Teilung der Stadt in eine Reihe abgetrennter Stadtbezirke führte, die von den deutschen Kräften abgeschnitten wurden. Die Verbindung zwischen diesen Stadtbezirken wurde von Boten und Meldeläufern aufrechterhalten, die sich hauptsächlich aus Pfadfindern und Pfadfinderinnen, im Alter von 10 bis 15 Jahren, aus den „Grauen Reihen“ rekrutierten. Die polnische Pfadfinderbewegung unter der Bezeichnung die „Grauen Reihen“ war während der Besetzung sehr aktiv bei der Durchführung von Diversions- und Sabotageakten und brachte in den Aufstand ein hervorragendes Organisationsnetz ein. Die Pfadfinder waren sich von Anfang an über die Lage der Zivilbevölkerung und ihr Bedürfnis, sich mit den abgeschnittenen Familien zu verständigen bewusst, und auf diese Weise wurde die Idee der Gründung einer Feldpost geboren.

Die erste Feldpost wurde durch den Pfadfinder-Meister Kasimierz Grenda im Stadtbezirk Stadtmitte-Süd bereits am 2. August organisiert. Diese Post war lediglich in einem begrenzten Gebiet dieses Stadtbezirks tätig. Am 4. August entschied die Vorstandschaft der Pfadfinder eine Feldpost für die gesamte befreite Stadt ins Leben zu rufen. Das Hauptpostamt befand sich an der Swietokryska-Strasse 28. Ausserdem gab es noch 8 Postämter in den verschiedenen Stadtbezirken: Nr. 2 an der Szpitalna-Strasse; Nr. 3 am Napoleon-Platz; Nr. 4 an der Okulnik-Strasse; Nr. 5 an der Czerniakowska-Strasse; Nr. 6 an der Krasicki-Strasse (Mokotow); Nr. 7 an der Wilcza-Strasse und Nr. 8 an der Zelazna-Strasse.

Die Briefkästen wurden an 40 Punkten der Stadt angebracht.

Die Korrespondenz war auf 25 Worte beschränkt und unterlag von Anfang an der Zensur, um vorzubeugen, dass militärische und strategische Informationen dem Feind bekannt wurden. (A.d.H.: Die Zensur selbst wurde von älteren Pfadfindern oder deren Eltern durchgeführt.) Die Korrespondenz wurde in der Regel ohne Postgebühren zugestellt; jedoch wurden gern freiwillige Zahlungen in Form von Büchern, Verbandsmaterial und Lebensmitteln für die Verwundeten in den Krankenhäusern angenommen. Die Menge der täglichen Sendungen schwankte zwischen 3.000 und 6.000 Briefen und erreichte am 1. August ihr Maximum, als 10.000 Briefe eingingen.

In den ersten Tagen gab es noch keine Poststempel. Sie erschienen am 6. August und trugen im Kreis die Pfadfinderlilie und den Text „Pfadfinderpost“ und waren aus verschiedenen Materialien angefertigt. Einer der ersten Stempel war aus einer halbierten Kartoffel hergestellt, in die mit einem Taschenmesser „Pfadfinderpost“ und eine Lilie eingeschnitten waren. Nach mehrmaliger Benutzung zerfiel dieser Stempel und Sendungen mit seinem Abdruck sind heute Raritäten. Andere Materialien waren Linoleum, Gummi und weiche Metalle.

Im zweiten Monat wurde die Aufständische Pfadfinderpost mit dem gesamten Personal in die Heimatarmee eingegliedert und von diesem Zeitpunkt an wurde die Inschrift „Pfadfinderpost“ durch „Feldpost“ ersetzt. In diesem Monat erschienen auch die ersten Briefmarken der Feldpost in den fünf Farben, welche die fünf Stadtbezirke Warschaus symbolisieren sollten. Die Tätigkeit dieser Feldpost wurde am 3. Oktober eingestellt, dem Tag der Kapitulation Warschaus.

Meine Sammlung begann etwa 1957: 1956 fanden Arbeiter bei der Beseitigung der Ruinen der Hauptpost von der Seite der Warecka-Strasse her, das Skelett eine Pfadfinders mit einer Briefträgertasche, die einige hundert nicht zugestellter Briefe aus der Zeit des Aufstandes enthielt. Diese Briefe wurden zu dem bekannten Briefmarkenhändler K. de Julien gebracht, um sie zu Geld zu machen. Herr de Julien, der einen Sohn im Aufstand verloren hatte, kaufte die Briefe an und fertigte danach eine Aufstellung mit den Familiennamen der Empfänger und Absender an, veröffentlichte diese in der Warschauer Presse und setzte eine dreimonatige Frist für die Abholung der Briefe fest. Der grösste Teil wurde abgeholt, etwa ein Dutzend des verbliebenen Restes gelangte in meine Hände und bildete den Anfang meiner Sammlung.

©Zbigniew Bokowicz in: http://www.polishresistance-ak.org/11_Artikel_De.htm

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Weiterführende Literatur:
Heber, Manfred G.: HANDBUCH der Lagerpost um 1945, Maspalomas, 1995
Heber, Manfred G.: KATALOG der Lagerpost um 1945, Elmshorn, 1986
in beiden auch Angaben zu weiterer Literatur
© Steinmann, Gottfried: Pfadfinder im polnischen Untergrund 1939 - 1945
Bor-Komorowski, Tadeusz: The Secret Army. Nashville, USA, 1984
Lent, Silke: Die Stunde W
Bialowszewski, Miron: Nur das, was war
Borodziej, Wlodzimierz: Der Warschauer Aufstand 1944